Eine Katakombenheilige in St. Peter
Im Heiligen Jahr 1675 wurden in Rom dem Münchner Ratsherrn und Kaufmann Franz Benedikt Höger die Gebeine einer Munditia aus den Cyriaca-Katakomben als Geschenk für die Peterskirche übergeben. Eine Seltenheit ist der Mamorstein, der das Nischengrab verschlossen hatte und wichtige Auskünfte gibt. Er hat im Reliquienschrein einen Platz unter dem Haupt Munditias. Die Inschrift lautet:
DDM MUNDICIE PROTOGENIE BENEMERENTI QUAE VIXIT ANNOS LX
QUAE IBIT IN PACE XV KAL D
ZUM FROMMEN GEDENKEN AN MUNDITIA PROTOGENIA DIE WOHLVERDIENTE: SIE LEBTE 60 JAHRE UND GING EIN IN DEN FRIEDEN AM 15. TAG VOR DEN KALENDEN DES DEZEMBERS (17. NOVEMBER) – APC

Schwierigkeiten macht die Deutung der Buchstaben APC. Die römische Urkunde für die Echtheit der Reliquien erklärt dies mit „ASCIA PLEXA CAPITA“, also „MIT DEM BEIL ENTHAUPTET“. Manche Spuren können zu dieser Deutung führen, sicher ist dies aber nicht. Für die barocke Frömmigkeit war Munditia eine Märtyrerin. Die Abkürzung könnte aber auch als Zeitangabe gedeutet werden: „ANDRONICO PROBO CONSULIBUS“, also unter dem Konsulat von Andronicus und Probus. Dann käme das Jahr 310 als Sterbedatum in Frage.
Die Reliquien der römischen Katakombenheiligen wurden in München kunstvoll gefasst und im erhaltenen Schrein am 5. September 1677 mit barocker Festlichkeit nach St. Peter übertragen. In der Peterskirche waren Lobsprüche aufgehängt worden, die den zeitlichen Hintergrund erkennen lassen: Türkenkriege, Überfälle des Sonnenkönigs, Erinnerung an die Schrecken des Dreissigjährigen Krieges, aber auch Freude und Stolz über die römische Heilige. Ein Lobspruch lautet:
DIE HL. MUNDITIA WIRD VOM BAYERNLAND EMPFANGEN
Sei gegrüsst von deutscher Erden,
Sei gegrüsst vom Bayernland,
wo der Innstrom wäscht die Gärten,
gießet aus sein Schaum und Sand,
wo die Isar küsst die Wiesen
wie zu einem Liebespfand,
München zur Hauptstadt tut erkiesen,
so da weit und breit bekannt.
Da der Kriegsgott umherwütet
Mit sei´m Lärmen und Geschrei,
all´s mit Zittern nun erschüttet,
Acker, wiesen und Gebräu.
Deutschland er mit Blut anstreichet,
Pinsel nun wird ihm das Schwert.
Die schön Farb ihm ganz entweichet.
Weh, ach weh, der deutschen Herd.
Seit mehr als drei Jahrhunderten wird diese Frau aus den römischen Katakomben in St. Peter verehrt, freilich in einem Auf und Ab der Zeiten. So verlangte eine aufgeklärte Regierung 1804, dass die heilige Munditia endlich durch einen Holzschrein verdeckt werde. „Aberglaube“ wurde nicht mehr geduldet! 70 Jahre später wurde die hl. Munditia wieder sichtbar, ihre Verehrung nahm einen neuen Aufschwung. Durch die grosse Zahl der Kirchenbesucher ist diese Heilige weit über die Grenzen der Pfarrei bekannt geworden. Und wenn die Pfarrgemeinde an jedem 17. November das Munditiafest mit grosser Feierlichkeit begeht, ist das für viele Gottesdienstbesucher ein Erlebnis, das sie mit der Zeit der Katakombenchristen verbindet. Die Frommen werden in der zeitübergreifenden Liturgie Freude und Stärkung empfinden. Menschen, die eher zufällig in das Munditiafest geraten, werden davon auf ihre Weise eigenartig berührt, so wie die Journalistin einer grossen Tageszeitung. Sie schrieb aus ihrer Distanz heraus einen durchaus wohlwollenden Artike über die Feierlichkeiten 1992. Ihrem Beitrag gab sie den Titel „Frommes Theater“ – eigentlich eine gute Theaterkritik. Vielleicht trägt zur Verehrung der heiligen Munditia in unserer Zeit bei, dass sie als Patronin der alleinstehenden Frauen gilt.
Robert Kindelbacher